Zusammenfinden

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Wie wir das Diskurstrauma überwinden, das Corona hinterlässt

Das Virus hat viel mehr in unserer Gesellschaft angerichtet als das, worüber täglich berichtet wird. Auch in der Kommunikation hinterlässt Corona eine Krise. Trauer, Wut und Unsicherheit haben sich tief in aktuelle Debatten gefressen, und von dort aus in unseren täglichen Umgang miteinander. Nicht nur unser Organismus, auch unsere Gespräche müssen heilen. Lesen Sie hier drei Impulse für die Rückkehr zum Dialog.   

 

Seit etwa zwei Jahren schmerzt mein inneres Ohr. Obwohl die Medizin nichts gefunden hat, bin ich mir sicher: Das ist ein Corona-Symptom, und ein langfristiges dazu, welches für viele Menschen gilt, denen es im Moment in irgendeiner Weise nicht gut geht –  ob infiziert oder nicht.

Ich kann mich nicht daran erinnern, dass wir Deutschen, wir Europäerinnen und Europäer, wir Menschen zu meinen Lebzeiten schon einmal so schlecht miteinander umgegangen wären. Auch in meinem direkten Umfeld liegen Beziehungen in Scherben – freundschaftliche, geschäftliche, familiäre, romantische. Ein guter Freund wohnt seit kurzem nicht mehr mit seiner Lebensgefährtin zusammen. Sie hatte zuletzt regelmäßig an Querdenker-Demos teilgenommen, und er kam irgendwann nicht mehr damit klar.

Das muss man sich einmal vorstellen: In einer Gesellschaft, in der interkulturelle, interkonfessionelle und sogar intertextile Partnerschaften (also solche zwischen Fans in verschiedenen Mannschaftstrikots) zur Normalität gehören, können Menschen sich nicht über etwas verständigen, das sie alle gleichermaßen betrifft. So sehr wir das kollektive Trauma Pandemie ad acta legen wollen: Was wir gerade erleben, ist eine Sinnkrise der Demokratie – und zwar eine, die sich ganz konkret auf unsere Lebensweise auswirkt. Die können wir nicht einfach abhaken. Denn genau das, was die erbitterten Auseinandersetzungen schützen sollen, geht darüber kaputt: unser Sinn für Gemeinschaft in Freiheit.

„In dieser Pandemie kann man wieder gut beobachten, wie sich konträre Meinungen gegenseitig stabilisieren“, hat die Süddeutsche Zeitung in diesem Zusammenhang den Soziologen Armin Nassehi zitiert. Sein Forschungsgebiet ist der Zerfall moderner Gesellschaften. Beruhigend beunruhigend, dass Geschichte offenbar auch in dieser Hinsicht dazu neigt, sich zu wiederholen. Niemand mag das Wort „müssen“, doch in diesem Fall ist es gewissermaßen … alternativlos: Wir müssen wieder zusammenfinden und den Dialog wieder aufnehmen. Die Frage ist: Wie stellen wir das an?

Die beste Nachricht vorab: Es ist nicht so schwierig, wie die große Enttäuschung und Frustration es derzeit scheinen lassen. Drei Vorschläge für Debatten zwischen Partnerinnen und Partnern, Freundinnen und Freunden, Nachbarinnen und Nachbarn, Fraktionen und Bevölkerungsgruppen können dabei helfen, die klaffenden Lücken mit rhetorischen Mitteln wieder zu schließen.

 

  1. Neu zuhören lernen

Zuhören zu können ist die wichtigste Dialogkompetenz von allen. Das mag erst mal seltsam klingen, ist bei näherer Betrachtung aber nur logisch: Es ist unmöglich, einander zu verstehen, wenn man die Worte anderer gar nicht wahrnimmt. Die Momente, in denen man in einem Gespräch nichts sagt, sind für die Verständigung oft die wichtigsten. Deshalb gehören sie auch zu den anspruchsvollsten. Genau hier liegt ein ganz wesentlicher Grund dafür, warum eine ganze Reihe von Debatten während der Pandemie so sagenhaft aus dem Ruder gelaufen sind: Wir debattieren zu ich-fixiert.

Um eine Gesprächspartnerin oder einen Gesprächspartner (oder ein paar Millionen Meinungstragende) richtig zu verstehen, muss man für die Dauer des Zuhörens das eigene Ego suspendieren. Nicht halbherzig, sondern ernsthaft und gründlich, wenn man einer gegensätzlichen Haltung wirklich folgen und die Beweggründe in der Tiefe verstehen will. Das ist überhaupt nicht trivial, wie das folgende Beispiel verdeutlicht: Zu Beginn der Pandemie haben wir wertvolle Monate (!) damit verschwendet, uns über die Frage einer Maskenpflicht zu zerstreiten. Nicht etwa, weil das eine politische Pro- und Contra-Frage gewesen wäre, denn gewünscht hat sich die Dinger wohl niemand. Es lag noch nicht einmal daran, dass die einen sich auf die wissenschaftlichen und die anderen auf die freiheitsrechtlichen Argumente einschossen. Dass die Politik und sogar die Wissenschaft sich erst lange Zeit uneins über die Schutzwirkung waren, hat nicht gerade geholfen, klar. Doch auch, als die Argumente sortiert waren, blieb die Trennung bestehen. Zu diesem Zeitpunkt hatten sich beide Parteien nämlich längst hinter ihrer gefassten Meinung verschanzt – zu beiden Seiten eines tiefen, weiten Grabens. Und der klafft immer noch. Er zieht sich mitten durch jedes Bahnabteil, jeden Supermarkt und sogar durch manche Familie.

Da ist es vollkommen egal, wie laut die eine oder die andere Seite sich Gehör verschafft: Das Problem liegt bei der Empfangskompetenz, nicht bei der Sendekompetenz. Wir hören nicht zu, um zu verstehen; wir hören zu, um zu erwidern. Während die Impfgegnerin oder der Impfgegner spricht, denkt sich die Impfbefürworterin oder der Impfbefürworter nicht etwa in das Gesagte hinein und sucht nach Anknüpfungspunkten. Genau das würde es für einen funktionierenden Dialog aber brauchen. Vielmehr sind die Kontrahentinnen oder Kontrahenten mit ihren inneren Widerständen beschäftigt. Sie sind davon vereinnahmt, eine Retourkutsche zu formulieren. Die hat mit den Argumenten des Gegenübers dann auch oft nicht viel zu tun: „Was verstehst du schon von Medizin!“ – „Du glaubst auch jeden Mist!“

Die gute Nachricht ist: Das alles muss keineswegs absichtlich geschehen. Oft sind die Diskutierenden auch gar nicht gut genug informiert, um ernsthaft von ihrer Position überzeugt zu sein. In ganz vielen Streitgesprächen werden nur Argumente von anderen übernommen und aufeinander abgefeuert, weil viele sich permanent angegriffen fühlen und dünnhäutig werden. Könnten die Redenden einander besser hören, würden sie oft feststellen, dass sie durchaus nicht frei von Schnittmengen sind: Wir alle hätten gern mehr Bewegungsfreiheit, und wir alle haben das Feindbild Corona gemeinsam.

Das ist eine gute Nachricht, denn das bedeutet: Wir können schon dadurch wieder ein Stück zusammenrücken, dass wir einfach nur besser zuhören. Sich die inneren Widerstände, die den Adrenalinpegel hochschnellen lassen, bewusst zu machen, kann bereits sehr viel verändern. Wenn man weiß, dass sie da sind und was sie reizt, kann man sie bändigen lernen – und mehr von dem hören, was verbindet.

Wenn man sich auf diesen Schritt über den Ego-Graben einlässt, können auch im schwierigsten aller Dialoge Wunder geschehen. Plötzlich entdeckt man Brücken, für die man vorher blind war. Der vollkommen wahnsinnige Impfgegner hat auch Kinder und genauso viel Angst um sie. Und die naive Impf-Mitläuferin will gar nicht von Bill Gates versklavt werden, sondern nach anderthalb Jahren ihre kranke Mutter wiedersehen.

Wenn wir es schaffen, einander wieder besser zuzuhören, empfinden wir auch wieder horizontalen Respekt voreinander als Menschen. Das ist die einzige Schwelle, die wir wirklich überspringen müssen. Der Rest ist Reden, und: Geduld.

 

  1. Prozesshaftigkeit von Beziehungen akzeptieren

Mit Geduld meine ich übrigens nicht, dass wir einander jeden Blödsinn durchgehen lassen. Genauso wenig meine ich, dass wir aus einem falsch verstandenen Harmoniebedürfnis heraus noch die demokratiefeindlichsten Sprüche ins Vokabular einer verzerrten, neuen Normalität überführen sollten. In der Sache brauchen wir den Diskurs, und irgendwann in zentralen Punkten auch mal eine Lösung. Eine deutliche.

Was ich meine, ist die Bereitschaft, Meinungsverschiedenheiten an sich zu tolerieren – als Bestandteil einer gesunden Beziehung und einer gesunden Gesellschaft. Klar, in den letzten Monaten ist viel Porzellan zerschlagen worden. Da ist es leicht(er), sich in die vermeintliche Sicherheit „klarer Verhältnisse“ zu retten und Brücken einzureißen, die zu sanieren mühevoll ist.

Was wir in solchen hitzigen Debatten vergessen ist, dass in keiner Beziehung immer Einigkeit herrscht. Beziehungen sind immer under construction. Wer sich darauf nicht einlassen mag, kann auf Dauer keine führen. Jens Spahn mag nicht zuletzt sich selbst gemeint haben, als er in einer frühen Phase der Corona-Bekämpfung sagte: „Wir werden in ein paar Monaten einander wahrscheinlich viel verzeihen müssen.“ Recht hatte er damit trotzdem.

Die Pandemie hat uns mit erschreckender Deutlichkeit vor Augen geführt, wie schnell Beziehungen sich negativ entwickeln können, um nicht zu sagen: den Bach runtergehen. Doch genauso schnell können sie sich auch wieder positiv entwickeln. Manchmal reicht eine Begegnung, ein Zeichen guten Willens, ein Satz sogar, um das Eis zu brechen und wieder ins Gespräch zu kommen.

Nichts ist in dieser Hinsicht wirkungsvoller als eine aufrichtige Entschuldigung. Nicht dafür natürlich, dass man anderer Meinung ist und das auch ausgesprochen hat.  Sondern dafür, wie man gesagt hat, was man gesagt hat. Daran scheitern Dialoge, nicht an den Inhalten – also sollte an dieser Stelle auch die Heilung ansetzen.

Eine aufrichtige Entschuldigung ist rhetorisch übrigens keine hohe Kunst. Sie besteht aus drei Schritten: 1. Reue, 2. Empathie, 3. ein Plan. Im Falle zweier Nachbarinnen oder Nachbarn, die sich über die Corona-Maßnahmen zerstritten haben, könnte das zum Beispiel so aussehen: „Es war respektlos von mir, dich einen Covidioten zu nennen. Das hat dich bestimmt wütend gemacht. Wenn wir das nächste Mal zusammen einen Wein trinken, lasse ich dich ausreden, versprochen.“

Am Handwerk dürfte es also nicht scheitern. Auch hier liegt die Krux in der Überwindung. In Situationen wie dieser kommt es darauf an, „die Eitelkeiten hinter sich zu lassen. Sturer Stolz hilft jetzt nicht weiter“, stellte der Psychoanalytiker und Paartherapeut Wolfgang Schmidbauer in der Süddeutschen Zeitung klar.

Darüber, dass wir einiges zu bereden haben, herrscht ja schon mal weitgehend Einigkeit …

 

  1. Unterschiede aushalten und respektieren

Mit Respekt hat auch die dritte Dialogkompetenz zu tun, die uns wieder zusammenführen kann. Auch sie ist für die Dauer angelegt, nicht als Quick-fix. So wie das Virus uns noch eine Weile begleiten wird, werden auch manche der Meinungsverschiedenheiten uns nicht so bald loslassen.

Selbst wenn wir eines Tages doch mal alle gemeinsam über diese dunkle Zeit und manche hitzköpfige Debatte lachen sollten, werden wir nicht in einer heilen Welt leben: Potenzial für Dispute wird es immer geben. Die Frage ist, wie wir damit umgehen. Denn in einem sind wir uns bestimmt einig: Spaltungen in der Dimension einer Corona-Debatte hält unsere Gesellschaft nicht unbegrenzt oft aus.

Wie wahrt man über Differenzen hinweg den Respekt voreinander? Wie bleibt man im Gespräch, auch wenn man gegensätzlicher Meinung ist? Die Antwort ist beinahe so alt wie die Rhetorik: indem man beim Diskutieren Sach- und Beziehungsebene trennt. Ich kann meine Frau lieben und ihr trotzdem widersprechen. Das mag unsere Beziehung zueinander nicht einfacher machen – aber ehrlicher, interessanter und vor allem auch belastbarer. Menschen, die sich über Unterschiede und sogar Gegensätze verständigen können, sind schwer zu trennen. Dialogfähigkeit ist das Rüstzeug, mit dem sich Krisen überwinden lassen. Und das ist genau das, was wir jetzt brauchen.

Wenn Eltern in Erziehungsdingen unterschiedlicher Meinung sind, geht es doch auch! Warum? Weil es einen gemeinsamen Nenner gibt: Die Sorge um das Wohl des gemeinsamen Kindes. Auf dieser Basis findet sich irgendwie eine Lösung, auf die man sich einigen kann. Das Prinzip ist bei anderen Themen dasselbe. Zum Scheitern verurteilt sind Beziehungen und Gesellschaften erst, wenn es gar keinen gemeinsamen Nenner mehr gibt. Für alles andere gibt es eine Lösung.

Man muss allerdings noch miteinander reden können, um sie zu finden. Können wir?

 

Redend heilen: Drei Impulse für die Rückkehr zum Miteinander  

Argumente können uns trennen, aber der Diskurs kann uns wieder zusammenführen. Genau dafür ist er nämlich eigentlich da – nicht dafür, sich gegenseitig das Leben schwerzumachen. Gegen das Virus der Meinungsmache, gegen Angstprofitierende und gegen die Manipulationsmuster in den sozialen Medien gibt es leider noch keine Impfung. Gegen misslingende Dialoge dagegen ist ein Kraut gewachsen: Am besten fahren wir, indem wir im Gespräch bleiben, statt uns gegeneinander aufhetzen zu lassen.

Hier noch einmal drei Wege, den Gesprächsfaden wieder aufzunehmen, auf einen Blick:

  1. Besser zuhören: Verständigung beruht auf Gemeinsamkeiten – doch die überhört man, wenn man sich von inneren Widerständen vereinnahmen lässt.
  2. Entwicklung zulassen: Beziehungen sind immer under construction. Die Bereitschaft zu verzeihen und die Fähigkeit, sich aufrichtig zu entschuldigen, wirken stabilisierend und bindend.
  3. Unterschiede aushalten: Ein kontinuierlicher Dialog beruht auf einer respektvollen Haltung. Wer andere Menschen in ihrer Eigenständigkeit achtet, darf ihnen auch widersprechen.

Kommen Sie gut an!

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