Überzeugen statt überreden

Überzeugen statt überreden

Wie Redner Verantwortung zeigen

In Zeiten von flexiblen Wahrheiten, alternativen Fakten und wackelnden Deutungshoheiten stehen auch Redner vor ganz neuen Herausforderungen. Nie war es so wichtig wie heute, dass sie ihren Anteil an gesellschaftlichen Debatten reflektieren und sich auf ihre Verantwortung besinnen: Rhetorik in ihrer Ursprungsbedeutung beinhaltet immer auch die gute Absicht des Redners. Ihr Werkzeug ist das Sprachbewusstsein.

Wie wir uns als diese Verantwortung mit unserer Persönlichkeit ausfüllen können, wie wir sie methodisch in unsere Rhetorik integrieren und warum wir dadurch auch wirkungsvollere Botschaften senden, habe ich in meinem Fachartikel für das Magazin F5 analysiert:

Warum Rhetorik Manipulation ausschließt

Gibt es eine Rhetorik, die Menschen bewusst manipuliert? Das ist nicht etwa eine rhetorische Frage, sondern eine ganz ernst gemeinte. Die Antwort darauf, so kontraintuitiv sie in diesen Zeiten klingen mag, lautet: nein. Ein Rhetoriker, der etwas auf sich hält, ein Redner im aristotelischen Sinne, wird seine Redekompetenz nicht nutzen, um Menschen bewusst zu steuern, zu kontrollieren oder gar zu belügen. Seine Kunst ist nicht das Manipulieren, sondern das Überzeugen.

Diese Feststellung ist wichtig, um eine klare Grenze zu ziehen, welche Phänomene in aktuellen Debatten man der Rhetorik zuschreiben kann und welche nicht: Populisten, autokratische Staatsoberhäupter und vergessliche Mandatsträger sind keine fehlgeleiteten Rhetoriker. Sie sind Populisten, autokratische Staatsoberhäupter und vergessliche Mandatsträger. Es hat sie immer gegeben, und es wird sie immer geben. Schon immer hatten „bad actors“ die Möglichkeit, Werkzeuge der Redekunst für ihre Zwecke zu missbrauchen. Doch dass sie reden macht sie noch lange nicht zu Rhetorikern – und Rhetorik nicht zu einem Werkzeug der Manipulation.

Die Baustellen, auf denen der gute Ruf der Rhetorik in Gefahr gerät, sind ganz andere.

Ein Tropfen vergiftet den Brunnen

Die größte Gefahr für das Ansehen von Rednern sind nicht die Manipulatoren, die heute in jedem Winkel der öffentlichen Meinungsbildung lauern. Die zentrale Bedrohung für die Glaubwürdigkeit von Rednern ist die Achtlosigkeit. Die Krise der Massenmedien bietet dafür einen guten Vergleichswert: Nicht Verantwortungslosigkeit oder der Mangel an einem Wertekodex hat sie in die Krise gestürzt, sondern Nachlässigkeit. Sie haben sich in die Ecke treiben und zur Schlampigkeit verführen lassen, um das Tempo mitgehen zu können, in dem Debatten heute geführt werden. Deshalb haben sie Fehler gemacht, über die sie gestolpert sind, und deshalb wankt ihre Deutungsmacht.

Derselben Gefahr sind wir als Redner ausgesetzt – und zwar jeder Einzelne von uns. Ein Tropfen kann reichen, um den ganzen Brunnen zu vergiften. Eine ungeprüfte Tatsache, ein unsauberes Zitat, eine falsch zitierte Studie kann unsere Glaubwürdigkeit zerstören.

Abgesehen von der Faktentreue und der Prüfung aller Inhalte nach bestem Wissen: Wie können wir als Redner mit rhetorischen Mitteln unseren Teil dazu beitragen, dass Debatten verantwortungsvoll geführt werden? Wir können wir Menschen inspirieren, selbst Verantwortung zu übernehmen?

Die Antwort ist so simpel wie komplex, denn sie dringt bis in die kleinsten Verästelungen von Rhetorik und bis auf die Mikroebene unserer Reden vor: durch Sprachbewusstsein.

Sprachbewusstsein als Werkzeug verantwortungsvoller Rhetorik

Wie wichtig ein bewusst kultiviertes Sprachbewusstsein ist – nicht nur, aber ganz besonders für Redner – wird vor allem an der Metaphorik deutlich, die heute die Diskussion über viele Themen prägt. Viele sprachliche Bilder sind tief in unserem Sprachgebrauch verankert – auch ohne dass dabei immer eine konkrete Absicht im Spiel wäre. Wir alle verwenden Alltagsmetaphern, etwa wenn wir über die „Informationsflut“ klagen, uns mehr „Schlagfertigkeit“ wünschen oder uns über „Rabeneltern“ in der Bahn aufregen.

Wenn Menschen dieser Metaphorik im Gespräch unbewusst stattgeben, ist das schlimm genug. Wenn wir es als Redner tun, wenn wir vor anderen Menschen sprechen, ist es verantwortungslos.

Ein erster Schritt zu mehr Sprachbewusstsein ist: Worte und Bilder wörtlich nehmen. Ob ich zum Beispiel sage, „Ich bin im Marketing tätig“ oder „Ich bin für das Marketing verantwortlich“ ist ein großer Unterschied. Schon das eine scheinbar banale Beispiel verdeutlicht, wie wichtig es ist, dass wir Worte schmecken und einmal ordentlich darauf herumkauen, bevor wir sie mit auf die Bühne nehmen. Unsere Worte wirken – und als Redner darf uns nicht egal sein, wie.

Wie man Verantwortung demonstriert

Ich werde oft gefragt, wie man Kompetenzwahrnehmung modelliert, sich also als seriöser Redner zu seinem Thema zu erkennen gibt. Tatsächlich ist diese Fähigkeit heute, wo es mehr selbsternannte Experten gibt als Fachgebiete, eine Kernkompetenz. Hier einige Tipps, wie man die eigene Expertise auch rhetorisch zur Geltung bringt.

  1. Konkret sprechen. Das einfachste und offensichtlichste Merkmal einer seriösen Argumentation ist vielleicht nicht sehr aufregend, aber unabdingbar: Wenn jemand weiß, wovon er redet, hat er konkrete Beweise in Form von Fakten parat und ist in der Lage, transparent zwischen Fakten und Meinung zu trennen. Ohne falsifizierbare Aussagen transportieren wir letztlich nur Behauptungen, und Menschen spüren das.
  2. Die Fakten in einen Kontext stellen. Damit die Fakten bei den Zuhörern ihre Wirkung entfalten, müssen sie in ihre Lebenswelt übersetzt werden. Redner, die ihre Zuhörer erreichen und ihrer Verantwortung gerecht werden wollen, müssen dafür sorgen, dass sie verstanden werden. Hierfür sind z. B. Metaphern und Analogien ideal, die einen Bezug zum Leben der Zuhörer haben. Gleichzeitig müssen sie allerdings auch themenzentriert sein und der Komplexität des Themas gerecht werden. Keine Effekthascherei!
  3. Die eigene Kompetenz hinterfragen. Es mag manchem Trend in der Redner-Szene zuwiderlaufen, doch bei einer verantwortungsvollen Positionierung führt kein Weg daran vorbei: Fachkompetenz ist durch nichts zu ersetzen. Zur Verantwortung des Redners gehört, sich zu den Themen zu äußern, bei denen er etwas Substanzielles beizutragen hat – und auch das erst dann, wenn er sich eine klare Meinung gebildet hat. Und sonst: Klappe halten. Manchmal ist Schweigen verantwortungsvoller als Reden.
  4. Differenziert argumentieren. Verantwortungsvolle Redner widerstehen der Versuchung durch einfache Wahrheiten und unzulässige Zuspitzungen. Die kurzfristige Wirkung darf nicht über der langfristigen Integrität des Redners stehen. Menschen spüren, ob ein Redner einem Selbstzweck folgt oder ihnen tatsächlich helfen will. Wer die Intelligenz des Publikums beleidigt, indem er die alleinige Deutungshoheit beansprucht, hat als Redner schnell ein Glaubwürdigkeitsproblem.
  5. Den Respekt wahren. Ein Redner, der keine zweite Meinung gelten lässt, verliert auch schnell den Respekt des Publikums. Der ist nämlich keine Einbahnstraße: Kollegen, Konkurrenten, Andersdenkende zu diffamieren ist mit der guten Absicht der Rhetorik nicht zu vereinbaren. Die Zuhörer werden sich mit dem Betroffenen sozialisieren. Der Respekt vor der Gegenthese ist ein wichtiges Kennzeichen verantwortungsvoller Rhetorik.

Inspiration ist Verantwortung 

Die Verantwortung des Redners kommt schon im jahrtausendealten aristotelischen Ethos zum Ausdruck: Wer die Mittel der Rhetorik seriös für sich beansprucht, stellt sich in den Dienst der Menschen, zu denen er spricht. Als Redner Menschen zu inspirieren ist also eine verantwortungsvolle Mission: Wenn die Worte mehr dem Redner selbst dienen als den Zuhörern, wird er seiner Verantwortung nicht gerecht.

Zu erkennen, dass man auch und gerade als redender Experte einer größeren Sache dient, hilft im Übrigen auch ganz ungemein bei einem sympathischen Auftreten. Nichts steht der persönlichen Wirkung von Rednern effektiver im Weg als das eigene Ego.

Das Ziel von Rhetorik besteht nicht darin, Menschen zu überreden, sondern Menschen zu überzeugen. Die Botschaft, nicht der Selbstzweck, ist der Maßstab für die Worte, die wir wählen. Ihnen und den Menschen, die wir erreichen, sind wir verpflichtet. Das ist unsere Verantwortung als Redner.

Kommen Sie gut an!

Ihr René Borbonus

 

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