Der Verschwörungs-
theoretiker und ich

Der Verschwörungstheoretiker und ich

Wie Sprache unsere Wahrnehmung formt 

Die Momente, in denen Kommunikation etwas verändert, sind mir die liebsten. Oft gehören sie zu den befreiendsten, emotionalsten, tiefenwirksamsten unseres Lebens. Ein einziges Gespräch kann unsere Sichtweise verändern, und mehr als das: Es kann unserem Denken und unserem Handeln eine neue Richtung geben. Wir brauchen dazu keinen Masterplan, keinen weltumspannenden Machtzirkel und noch nicht einmal schwarze Rhetorik, sondern nur unsere Sprache.

Die schönsten Gespräche sind natürlich die, in denen sich auf beiden Seiten etwas verändert. Ein solches Gespräch hatte ich vor einiger Zeit mit einem Menschen, der mir zuvor nicht unbedingt wohlgesonnen war. Und der Fairness halber sei gesagt: Auch ich war nicht gerade in der Erwartung angereist, einen neuen Freund zu gewinnen.

Ich habe mich mit einem Verschwörungstheoretiker getroffen. Es lief nicht wie geplant.

Der Satz, der mich aus der Bahn warf

Die Vorgeschichte ist schnell erzählt: Das Treffen in Hamburg hatte ich selbst angeregt. Mein Gesprächspartner hatte sich zuvor meine Aufmerksamkeit verdient, indem er sich sehr intensiv mit mir auseinandergesetzt hatte. Um genau zu sein, hatte er mir einen sehr ausführlichen Onlinetext gewidmet, in dem er mir anhand meiner Worte und Gesten sehr detailliert meine Mitgliedschaft bei den Illuminaten, den Freimaurern und überhaupt jeder Weltverschwörung nachwies, die man sich vorstellen kann, wenn man sich denn dafür entscheidet. Das hatte mich dann doch irgendwie neugierig gemacht.

Das Gespräch begann wie viele andere erste Begegnungen: Wir stellten einander vor. Natürlich hatte ich die Absicht, den Mann zu überzeugen: Ich wollte ihm logische Brüche nachweisen und die Inkonsistenzen aufdecken, die zu seinem Irrtum über meine Person geführt hatten. „Den kriege ich!“, dachte ich. Nichtsdestotrotz tat ich mein Möglichstes für einen freundlichen, positiven Gesprächsauftakt. An einer Eskalation hatte ich kein Interesse – ich wollte ja jemanden überzeugen, nicht niedermachen. Ich war bereit, dachte ich.

Nachdem ich mich also vorgestellt hatte, erwiderte er die Höflichkeit. Und dabei sagte er den Satz, der alles veränderte: „Ich betrachte mich als Wahrheitssuchenden.“

Damit hatte ich nicht gerechnet. Ich war mit der Erwartung in das Gespräch gegangen, mit einem Verschwörungstheoretiker zu diskutieren. Nun stand ich stattdessen einem bekennenden „Wahrheitssuchenden“ gegenüber. Mit einem Wort hatte sich meine ganze Perspektive, meine ganze Einstellung zu diesem Gespräch und sogar zu dieser Person gedreht: Plötzlich hatte ich viel mehr Respekt vor ihm. Und das heißt auch, das will ich nicht leugnen, dass es mir vorher wohl ein Stück weit an Respekt gemangelt hatte. Plötzlich hatte dieses Gespräch eine ganz andere Relevanz für mich. Plötzlich wollte ich mehr wissen.

Relevanz durch Sprache

Das Schöne daran war, dass der wohl für beide Seiten unerwartet friedliche Auftakt dazu führte, dass wir uns nun in aller Offenheit austauschen konnten. Respekt braucht radikale Offenheit, und diese Schwelle hatten wir gleich zu Beginn überwunden. Den Rest des Nachmittags diskutierten wir trotz allem kontrovers und intensiv, aber auf Augenhöhe und mit aufrichtigem Interesse.

Unsere ursprünglichen Gesprächsziele erreichten wir an dem Tag wohl beide nicht. Dafür gelang uns etwas viel Wichtigeres: Verständigung.

Es gibt genau eine rhetorische Strategie, die dazu in der Lage ist, krasse Gegensätze mit einem Wimpernschlag zu überwinden: den Respekt. Das Handwerkszeug der Verständigung aber, und darum geht es mir in dieser Geschichte vor allem, ist die Sprache. Sie übersetzt die Haltung in Verständigung. Sie führt die Veränderung herbei. Und in diesem Fall war es nicht mehr als ein einzelnes Wort, das mir Respekt abrang: „Wahrheitssuchender“. Wer will schon gern mit einem Verschwörungstheoretiker diskutieren? Ein „Wahrheitssuchender“ dagegen, das ist etwas anderes. Mit dem rede ich gern.

Diese Begegnung ist für mich eines der besten Beispiele dafür, wie Sprache etwas oder jemanden relevant machen kann, den wir vorher nicht auf dem Zettel hatten. Aber es ist natürlich bei weitem nicht das einzige Beispiel dafür, wie Sprache unsere Wahrnehmung einer Sache oder eines Menschen formt und dadurch zum Türöffner wird.

Wie man eine Debatte dreht  

Ein weiteres Beispiel ist eine Äußerung des Zukunftsforschers Harald Welzer, die mich aufhorchen ließ. Manchmal, wie auch im Fall des Wahrheitssuchenden, wirkt Sprache vor allem auf der persönlichen Ebene von Kommunikation. Manchmal bezieht sie sich eher auf die Sachebene. Eine solche Formulierung prägte Welzer in einem Interview. Eines der Themen des Gesprächs: Wachstum.

Das Schlagwort „Wachstum“, und gemeint ist hier „Wirtschaftswachstum“, weckt erst einmal sehr positive Assoziationen. Doch ist Wirtschaftswachstum angesichts der Nachhaltigkeitsdebatte heute noch uneingeschränkt das richtige Versprechen? Brauchen wir mehr davon? Passen Wirtschaftswachstum und Nachhaltigkeit zusammen? Diese Fragen sind heute mit im Raum.

Wie aber lässt sich das positive Konzept Wirtschaftswachstum, um das sich nach wie vor die Debatte dreht, rhetorisch so bezeichnen, dass es in die veränderte gesellschaftliche Situation und eine Welt der knappen Ressourcen passt?

Genau für diese Frage hatte Harald Welzer im Interview eine smarte rhetorische Lösung parat. Zunächst wies er darauf hin, dass zum Beispiel in Kommuniqués  internationaler Gipfeltreffen gern die Erfolgsmeldung festgehalten wird: „Wir konnten den Verbrauch steigern.“ In der Tat klingt es erst einmal toll, wenn die Bundesregierung verkündet: „Wir konnten das Wirtschaftswachstum steigern.“

Unter Rückgriff auf eine ökonomische Theorie stellte Welzer dann aber die These in den Raum: „Wachstum ist ja nur gesteigerter Verbrauch. Wenn wir einfach das Wording verändern und statt ‚Wachstum‘ ‚gesteigerter Verbrauch‘ sagen, haben wir plötzlich eine völlig andere Spielanordnung.“

Tatsächlich! Eine Gegenüberstellung verdeutlicht es: „China hat neun Prozent Wachstum.“ – „China hat einen um neun Prozent gestiegenen Verbrauch.“

Letztlich geht es um dieselben Zusammenhänge, wenn von gesteigertem Verbrauch und Wirtschaftswachstum die Rede ist. Nur die Perspektive ist ein andere. Das Wort „Verbrauch“ hat eine mehrdeutigere Wirkung als das relativ einseitig positiv belegte „Wirtschaftswachstum“.

Ein neuer Begriff kann die gesamte Debatte verändern. Welzer beschreibt diesen Paradigmenwechsel so: „Wenn ich den Raum erst mal entleert habe von diesem Quatsch, ergeben sich doch plötzlich ganz neue Möglichkeiten, die ich jetzt noch gar nicht sehe, solange der Raum noch voll ist.“[i]

Mit anderen Worten: Manchmal sehen wir – auch in unseren alltäglichen Gesprächen – das Thema vor lauter Bedeutung nicht mehr. Neuer Begriff, neue Relevanz!

Im jedem Anfang ist das Wort

Ein Wort kann also nicht nur die Kommunikation des Moments steuern, sondern das gesamte Denken über ein Thema verändern – doch dieser Wandel beginnt tatsächlich auf der Makro-Ebene der Wortwahl.

Ein winziger Eingriff auf der Begriffsebene kann die gesamte Bedeutungsebene einer Äußerung und sogar die Beziehungsebene eines Gesprächs verändern. Die Wortwahl „gesteigerter Verbrauch“ statt „Wachstum“ etwa erfüllt zum Beispiel gleich drei rhetorische Funktionen:

  1. Neuer Blickwinkel: Auf das Konzept „Verbrauch“ haben wir einen völlig anderen Blick als auf das überladene, alte Polit-Schlachtross „Wachstum“, das kaum noch neue Sichtweisen zulässt.
  2. Aktualisierter Kontext: Die neue Formulierung zwingt uns geradezu, neu über das Thema nachzudenken und neu zu kontextualisieren, indem wir unser Wissen auffrischen.
  3. Rhetorisches Update: Die Bezeichnung „Verbrauch“ passt viel besser in gegenwärtige Debatten und in den aktuellen Sprachgebrauch, der von Aspekten wie Nachhaltigkeit und Ressourcenplanung geprägt wird.

Eine Möglichkeit, die Relevanz von Themen durch geschickte Wortwahl zu erhöhen, demonstrieren zum Beispiel auch die österreichischen Gesundheitsbehörden: Sie animieren die Bürger gezielt mit Hilfe eines wohlschmeckenden Worts, an einer wichtigen Vorsorgeuntersuchung teilzunehmen. Während in Deutschland gern von der „Krebsvorsorge“ oder – noch beängstigender, weil konkreter – von der „Darmkrebsvorsorge“ die Rede ist, wird dieselbe Untersuchung in Österreich „Gesundenuntersuchung“ genannt. Weg von der Krankheit, hin zur Gesundheit: Die Wortwahl hilft der Relevanz auf die Sprünge.

Der Geschmack der Worte

Die Beispiele zeigen: Ein neues Wort kann einem alten Konzept eine völlig neue Relevanz geben, Debatten eine neue Richtung und Beziehungen eine neue Basis.

Wie aber kommen wir zu den neuen Begriffen, die alles verändern können? Mein Vorschlag zur besseren Verständigung und für bessere verdauliche Debatten: Wir sollten Worte immer gründlich kauen, bevor wir sie schlucken – und zwar als Absender und als Empfänger. Wir sollten uns stets bewusst sein, wie massiv Wahrnehmung durch Worte beeinflusst wird. Es ist nie egal, wie wir etwas oder jemanden nennen. Geschmack oder Geschmäckle, die Begriffe machen den Unterschied. Wenn wir sie uns mal auf der Zunge zergehen lassen, spüren wir, welche Wörter ein Gespräch vergiften, welche einer Aussage die richtige Würze verleihen, welche das Tischgespräch auch in großer Runde am Laufen halten – und welche ihr Verfallsdatum überschritten haben.

So kleinteilig kann wirkungsvolle Kommunikation sein: Manchmal bedeutet gute Rhetorik nichts anderes, als ausdauernd nach dem besseren Wort zu suchen.

Kommen Sie gut an!

Ihr René Borbonus

[i] Tilo Jung: Jung & naiv Folge 419, Zukunftsforscher Harald Welzer, 23.06.2019,
https://www.youtube.com/watch?v=Y5XpBeD8kwg

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