Schweigen: die unterschätzte Gesprächsstrategie

Schweigen – die unterschätzte Gesprächsstrategie

Was Sie von der „sprechenden Medizin“ über gelingende Dialoge lernen können

Unter den vielen Arten von Gesprächspartnern, denen wir im Laufe unseres Lebens begegnen, haben Ärzte nicht unbedingt den besten Ruf. Das ist nicht nur aus Patientensicht unangenehm bis desaströs, sondern auch demografisch betrachtet, sagen wir: suboptimal. Denn zum einen werden wir immer älter, und zum anderen begegnen wir tendenziell immer mehr Ärzten, je länger wir leben.

Die Halbgötter in Weiß, heißt es oft, sprechen zu viel Fachchinesisch, nehmen sich zu wenig Zeit für Erklärungen und gehen nicht genug auf ihre Patienten ein. Diese Wahrnehmung ist in Medizinerkreisen durchaus nicht unbekannt; die Ärztinnen und Ärzte sind sich der Tatsache bewusst, dass es Optimierungsbedarf gibt. Deshalb gibt es seit Jahren einen Trend zur sogenannten „sprechenden Medizin“: Ärztinnen und Ärzte sollen mehr und besser mit ihren Patienten reden. Dass ihre Kommunikation funktioniert, liegt – auch abgesehen vom hippokratischen Eid – natürlich in ihrem eigenen Interesse: Patienten, die verstehen, neigen eher dazu, zu kooperieren. Und ohne kooperierende Patienten gestalten sich die meisten Therapieansätze schwierig. Eine Weisheit, die sich übrigens auf so ziemlich jede Branche übertragen lässt …

Um einiges überraschender als diese Ausgangslage sind allerdings einige der Erkenntnisse, die Bestandsaufnahmen der Arzt-Patienten-Kommunikation zutage gefördert haben. Unter anderem haben Studien gezeigt, dass die größte Baustelle nicht unbedingt das ist, was die Ärzte sagen. Wie sich herausgestellt hat, trägt es erheblich zu erfolgreicher Kommunikation bei, wenn die Doktoren häufiger und im richtigen Moment still sind. Was es damit auf sich hat, und welche weiteren überraschenden Hinweise aus der Patientenkommunikation sich auf Ihre eigenen Gespräche übertragen lassen, lesen Sie in diesem Artikel. Ärzte sind schließlich nicht die einzigen, die noch an ihrer Kommunikation arbeiten können …

 

Weniger (falsche) Worte: Warum Sie in Gesprächen nicht zu viel reden sollten    

Das Problem der Arzt-Patienten-Kommunikation beginnt – wie so vieles in unseren Dialogen – schon lange, bevor es überhaupt zu einem Austausch zwischen einem Mediziner und einem Erkrankten kommt. Die Wurzeln liegen in der Medizinausbildung, wie der Schweizer Palliativmediziner, Lehrstuhlinhaber und Buchautor Gian Domenico Borasio in einem Gastbeitrag für die ZEIT feststellt. In den sechs und mehr Jahren ihres Medizinstudiums lernen die angehenden Ärzte, einen mit Fachbegriffen gespickten Jargon zu sprechen, den kein Patient versteht – nur dass sie das oft gar nicht merken.

Wenn Ärzte nun aufgefordert werden, mehr mit ihren Patienten zu reden, führt das wozu? Genau: dass sie mehr von dem sagen, was keiner versteht. Der durchschnittliche Gesprächsanteil des Arztes in einem Aufklärungsgespräch über eine lebensbedrohliche Diagnose entspricht etwa 80 Prozent. „Die sprechende Medizin, so wie sie heute praktiziert wird, ist eher eine auf den Patienten einredende Medizin“, so Prof. Borasio. Die Zufriedenheit der Patienten mit Arztgesprächen hängt allerdings viel stärker mit ihrem eigenen Gesprächsanteil zusammen. Der sollte am besten sogar größer sein als der des Arztes.

Neben dem rhetorischen Übergewicht gibt es noch ein weiteres Problem mit den vielen Worten der Mediziner: Ärzte arrangieren ihre Aussagen oft ausgerechnet um die Begriffe herum, die ihr Gesprächspartner am wenigsten hören will. „Krebs“ ist so ein Wort, das ziemlich zuverlässig die Wahrnehmung blockiert: Steht dieser Elefant erst mal im Raum, geht bei den meisten Menschen kognitiv erst mal nicht mehr viel. Sie sind jetzt nämlich mit inneren Widerständen bis hin zu nackter Panik beschäftigt. Werden Patienten einige Tage später befragt, was von den danach folgenden Worten ihres Arztes über die Details der Erkrankung, Ursachen und deren Behandlung hängengeblieben ist, stellt sich oft heraus: nicht viel.

Beides geschieht auch in Gesprächen, die nicht in Krankenhäusern oder Arztpraxen stattfinden, jeden Tag: Wir sagen zu viel von dem, was für den anderen nicht hilfreich ist, und stacheln mit unserem Gewohnheits-Sprech beim Gesprächspartner unnötig Widerstände an. Beides lässt sich vermeiden, indem wir auf eine verständliche Ausdrucksweise achten und unsere Worte mit mehr Bedacht für den Anderen wählen.

 

Frauen sind die besseren Gesprächspartner: Warum Sie andere ausreden lassen sollten  

In beiden Aspekten sind Ärztinnen ihren männlichen Kollegen übrigens überlegen – wohlgemerkt im Sinne der Patientenorientierung, nicht im Sinne der Gesprächigkeit. Wie stark sich das auf den Therapieerfolg auszuwirken scheint, ist geradezu verblüffend: Eine Studie hat gezeigt, dass Patienten statistisch gesehen länger leben, wenn sie von Ärztinnen statt von Ärzten behandelt werden.

Die vermuteten Gründe liegen laut Prof. Borasio darin, dass die Kolleginnen weniger reden, sich verständlicher ausdrücken und auch besser zuhören. Im Schnitt unterbrechen sie den Patienten erst nach drei Minuten, während ihre männlichen Kollegen es nur 47 Sekunden aushalten.

Angesichts dieser Ergebnisse sehe ich mich in einer Beobachtung bestätigt, die ich auch jenseits der Medizin in allen möglichen professionellen Umfeldern mache: Ständig fällt mir auf, dass die längsten Redebeiträge von Frauen immer noch kürzer sind als die kürzesten von Männern. Das alte Vorurteil, dass Frauen mehr reden würden als Männer, können wir langsam wirklich mal an den Haken hängen.

Vor allem aber kann der Hinweis aus der Medizin uns auch für unsere täglichen Gespräche eine Mahnung sein: Den anderen ausreden zu lassen ist eine wesentliche Voraussetzung für erfolgreiche Kommunikation. Den eigenen Redeanteil wirkungsvoll zu gestalten, ist wichtig. Noch wichtiger ist aber, das Ergebnis der Interaktion im Blick zu haben – und dazu muss und will auch der Gesprächspartner seinen Beitrag leisten.

 

Empathie ist die beste Medizin: Warum Sie aktives Zuhören praktizieren sollten

Parallel zur Entwicklung ihres Fachjargons durchlaufen angehende Ärzte noch eine weitere Wandlung, die sich ungünstig auf ihre Kommunikation auswirkt. Mit fortschreitender Ausbildungsdauer lässt ihre Empathie-Fähigkeit zunehmend nach. Je mehr sie über „den Menschen“, über Krankheiten und über ihr Fachgebiet wissen, desto weniger können sie sich in die Sorgen und Nöte von Patienten einfühlen.

Ein Problem ist das vor allem deshalb, weil Patienten gerade für diesen Aspekt in Gesprächen mit ihren Ärzten sehr sensibel sind. Sie erinnern sich noch Jahre später daran, wie einfühlsam ihr Arzt war, als er ihnen die Nachricht über die Erkrankung überbracht hat. Das wirkt sich wiederum in hohem Maße auf ihre Kooperationsbereitschaft und ihre Zufriedenheit mit der Behandlung aus. Auch das ist ein Phänomen, das weit über die Medizin hinaus anzutreffen ist.

Das wichtigste Werkzeug der Empathie ist das aktive Zuhören. Patienten – wie alle anderen Gesprächspartner auch – fühlen sich gut aufgehoben, wenn sie aufrichtiges Interesse beim Anderen spüren. Schon eine körperlich zugewandte Haltung und Augenkontakt können da einen großen Unterschied machen. Ein weiteres förderliches Signal sind interessierte Nachfragen, die auf das Gesagte Bezug nehmen. Auch Beobachtungen während des Gesprächs zu spiegeln zeigt dem Anderen, dass Sie wirklich präsent sind.

 

Tl;dr: Wie Sie wirkungsvoller kommunizieren, indem Sie sich zurücknehmen   

All das verlangt danach eine Tugend zu praktizieren, die in der Rhetorik viel zu selten gefordert und deshalb auch unterschätzt wird: Schweigen. Denn bei näherer Betrachtung ist das Schweigen eine sehr wirkungsvolle Gesprächsstrategie. Nur, wer im richtigen Moment die Klappe hält, schafft die Voraussetzung, um „urteilsfrei, aufmerksam und – im eigentlichen Sinne des Wortes – wohlwollend zuzuhören“, wie Prof. Borasio von seinen Kollegen fordert. Eine gesprächstherapeutische Maßnahme, die wir alle uns selbst verschreiben können – ganz ohne Arztgespräch!

Hier noch einmal zusammengefasst drei Empfehlungen für beredtes Schweigen:

  1. Kontrollieren Sie Ihren Gesprächsanteil und Ihre Wortwahl in Dialogen, um den Anderen nicht mit zu vielen und zu vielen falschen Wörtern zu überfahren.
  2. Lassen Sie Ihren Gesprächspartner zu Wort kommen und vor allem ausreden, dann steigt seine Zufriedenheit mit der Kommunikation automatisch.
  3. Zeigen Sie Präsenz durch aktives Zuhören, indem Sie sich zuwenden, Augenkontakt halten, interessiert nachfragen und Beobachtungen spiegeln.

Kommen Sie gut an!

Ihr René Borbonus

 

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