Die Erfolgsbedröhnten

Die Erfolgsbedröhnten 

Impulse für eine neue Erfolgsdebatte

Generationenlang haben wir uns auf dem Erfolg eines „deutschen Modells“ ausgeruht – auch rhetorisch. Diese Legende war besonders deshalb so erfolgreich, weil sie stimmte. Aus demselben Grund bringt sie uns nun jedoch in Bedrängnis: Statt darüber zu reden, was nötig wäre, halten wir an einem rapide alternden Wohlstandsmythos fest, der nicht mehr in unsere Zeit passt. Zeit für ein rhetorisches Update in Zukunftsfragen! 

 

Deutschland ist Mittelmaß. Das ist ein Satz, an den wir nicht gewöhnt sind. Doch genau da liegt unsere Nation im weltweiten Vergleich seit Jahren bei gleich mehreren gesellschafts- und wirtschaftspolitisch relevanten Schlüsselindikatoren: irgendwo in der unspektakulären Mitte. Sowohl beim Bruttoinlandsprodukt pro Kopf als auch beim Umweltschutz und bei der gesellschaftlichen Solidarität ist das der Fall.[1] Die traditionelle Messlatte für nationalen Erfolg das erste, Zukunftsthema Nummer eins und singulärer Überlebensfaktor unserer Spezies das zweite, Grundbedingung für ein funktionierendes Zusammenleben das dritte. Keine Gebiete, in denen man hinterherhinken will, zumal als globale Wirtschaftsmacht und Zugpferd Europas.

Dennoch reden wir uns bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit seltsam erfolgreich, finden Sie nicht? Und andere machen fleißig mit. Die Behauptungen, dass Deutschland eine globale Wirtschaftsmacht sei und Zugpferd Europas, sind ja nicht auf meinem Mist gewachsen. Sie prägen immer noch die Schlagzeilen, national wie international, und natürlich stimmen sie in der Gegenwart in mancher Hinsicht auch immer noch. Es ist Segen und Fluch zugleich: Nach wie vor betrachten wir uns als ausgenommen erfolgreich, und werden von außen so betrachtet.

Dafür gibt es aus meiner Sicht zwei Gründe, und beide sind Mythen. Nicht in dem Sinne, dass sie unwahr wären. Sondern in dem Sinne, dass sie irgendwann den Status von Legenden eingenommen haben, die – ganz im Sinne der uralten mündlichen Tradition – immer weitergereicht werden, von Mensch zu Mensch und von Generation zu Generation. Der eine Mythos ist der vom deutschen Erfolg, der als ähnlich robust betrachtet wird wie deutsche Panzer. Der zweite Mythos ist der vom Erfolg als rein ökonomischem Zahlenspiel.

 

Erfolg aus dem Winkel der Demut betrachten

Auch wenn es wehtut, üben wir uns doch mal in Demut, einfach so zum Warmmachen für die nächsten Jahrzehnte: Pur an Wirtschaftskennzahlen gemessen ist die Ära von Deutschland als Champion in vielen Bereichen bereits vorbei. Deutsche Panzer rollen und Helikopter fliegen (eher) nicht. Der Zeitrahmen für Klimaneutralität bis 2050 ist aus Sicht unserer Kinder betrachtet mit dem Rollator getaktet. In der Corona-Pandemie haben wir uns im europäischen und westlichen Vergleich und angesichts unserer Größe zwar ganz passabel geschlagen. Verglichen mit der Effizienz einiger anderer Länder sahen wir jedoch immer wieder ziemlich alt aus. Und das gilt technologisch betrachtet, insbesondere beim Vorankommen der Digitalisierung, inzwischen in vielen Feldern.

Deutschland, als Gesamtorganismus betrachtet, reagiert sehr träge und sehr widerwillig auf Veränderung und Überraschungen. Als wir im Herbst 2020 bereits von der zweiten Corona-Welle überrollt wurden, waren manche, nein: viel zu viele immer noch mit der Diskussion beschäftigt, ob und unter welchen Umständen eine Maske jetzt wirklich sein müsse. Es ist ein interessantes Anschauungsbeispiel dafür, wie wir uns hierzulande oft selbst ein Bein stellen, wenn es um die Durchsetzung neuer Erkenntnisse und sogar Maßnahmen geht, die uns allen helfen würden. Der Ursprung des Problems mit den Masken lag darin, dass wir erst einmal monatelang auf einem jahrzehntealten Glaubenssatz festhingen: Die Wirksamkeit von Masken sei schließlich nicht bewiesen, und das Tragen damit nicht als hilfreich zu betrachten, hieß es lange auch von Expertenseite. Noch länger dauerte es allerdings, bis die geläuterten Experten dann mal gehört wurden. Anderswo wurden die Dinger eben einfach aufgesetzt, statt auf neue Studien zu warten – schon um die Chance zu wahren, dass sie helfen könnten. Und zwar von allen. So kann man sich Zukunftsthemen nämlich auch nähern: einfach mal machen statt möglicherweise abgehängt werden.

Dafür muss man sich manchmal von bequemen Narrativen verabschieden und neue Abenteuergeschichten schreiben. Aber unser Ding ist das nicht: einfach mal machen. Immer wieder verlieren wir Zeit beim Wiederkäuen alter Erfolgsnarrative, die unser Denken und unsere Debatten für neue Impulse blockieren. Dass der Erfolg uns in den letzten Jahrzehnten immer wieder Recht gegeben hat, macht die Sache nicht leichter. Wir sind erfolgsverwöhnt, und deshalb oft auch: erfolgsbedröhnt. Es mangelt uns manchmal an der nötigen Klarheit, um schnell und effektiv auf einen Wandel der Prioritäten zu reagieren.

Doch die prägenden Veränderungen der Gegenwart und der Zukunft, auch die erfreulichen, sind nun mal nicht träge und zurückhaltend. Sie verhalten sich eher wie Pandemien: Sie kommen schnell, mit Macht und unerwartet. Deshalb begünstigen sie die Anpassungsfähigen, die Klarheit darüber haben, wer sie sind und wohin sie wollen. Vielleicht ist das ein Grund, warum kleinere, jüngere Gesellschaften im Aufwind wie Taiwan und Neuseeland bei radikal neuen Herausforderungen punkten können: Sie arbeiten gerade sowieso schon aktiv und progressiv an ihrer Identität und an ihrem Erfolgsmodell. Und: Sie führen angeregte innere Debatten darüber.

 

Worüber reden wir in Zukunft, wenn wir über Erfolg reden? 

Die Frage ist also: Sollten wir aufhören, über den deutschen Erfolg zu reden? Oder sollten wir stattdessen anders über den Erfolg reden? Die Antwort liegt in einer weiteren Kennzahl verborgen, die einen klaren Weg in die Zukunft weist, und zwar wirtschaftlich wie rhetorisch: Im Gegensatz zu anderen Indikatoren liegt Deutschland bei der Ermächtigung seiner Bürger weltweit auf einem Spitzenplatz, wie internationale Wirtschaftsforscher betonen.[2] Der allgemeine wirtschaftliche und technologische Fortschritt ist bei uns besser als anderswo an den gesellschaftlichen, sozialen und ökologischen geknüpft. Das ist die positive Kehrseite unserer meinungsfreudigen, weil gleichzeitig relativ sicheren und relativ freien Gesellschaft, die alles erst einmal ausdiskutiert.

Wenn der deutsche Weg beinhaltet, dass die Selbstverantwortung der Bürger maßgeblich für die Umsetzung des Wandels ist, kann uns das auch in Zukunft (wieder) eine Vorreiterrolle bescheren. Denn mit diesem etwas anderen „deutschen Modell“ wären wir bestens für Zukunftsthemen gerüstet, die nur durch eine kollektive Kraftanstrengung zu bewältigen sind.

Damit wir diesen Vorteil nutzen können, müssen wir allerdings von unserer Legendenrhetorik runterkommen und den Blick nach vorn richten, und zwar gemeinsam. Dann können wir nämlich anfangen, anders über Erfolg zu denken und zu reden – die ganzheitliche und nachhaltige Art von Erfolg, in dem die Experten die Zukunft sehen. Wir müssen aufhören, uns auf dem Polster alter Mythen auszuruhen und uns so schnell wie möglich auf unsere zukunftsfähigen Stärken besinnen. Unter ideologischer und rhetorischer Einbeziehung unserer Kinder müssen wir uns die Köpfe heißdiskutieren über die Themen, die jetzt dran sind.

Schon Sokrates hat festgehalten: In den Zeitformen der Vergangenheit klärt man Schuldfragen. Außerhalb eines Gerichtssaals sind sie für Entscheidungsfragen untauglich. Über Lösungen spricht man im Futur, denn die Auswirkung einer Entscheidung liegen in der Zukunft. Betrachten wir es doch einmal so: Der größte Erfolg, den die Generation unserer Kinder erzielen kann, wäre ein Aufhalten oder wenigstens massives Ausbremsen des Klimawandels. Kein, aber auch gar kein anderes Ziel ist auch nur annähernd ähnlich bedeutsam. Wenn wir noch eine Generation weiter in die Zukunft unserer Enkel schauen, potenziert sich die Bedeutung dieses Ziels noch einmal. Führen wir aus dieser Warte gesehen gerade wirklich die richtigen Debatten? Ich finde, wir schulden es unseren Kindern, darüber wenigstens mal vorbehaltlos nachzudenken.

Wenn wir in Zukunft über Erfolg reden, sollten wir über Fragen der Zeit sprechen – und zwar so offen und vorurteilsfrei wie möglich. Verabschieden wir uns von veralteten Indikatoren für gesellschaftlichen Wohlstand als zentralen Argumenten in unseren Debatten. Legen wir den Fokus auf neue, zeitgemäße, produktive Gründe, warum wir erfolgreich sind und weiterhin sein können. Halten wir uns daran, wenn wir Entscheidungen treffen, die unsere Zukunft und die unserer Kinder prägen.

 

Mehr Flexibilität in der Meinungsbildung

Was uns auf der Suche nach dem Erfolg der Zukunft enorm helfen würde, wäre eine größere Meinungsflexibilität. Neben dem Festhalten an alten Glaubenssätzen ist das ein weiteres zentrales Problem in unseren rhetorischen Gewohnheiten: Wir gestehen Menschen nicht zu, dass sie ihre Meinung ändern.

Beispiel Energiewende: Noch heute nehmen viele Angela Merkel übel, dass sie nach dem globalen Trauma von Fukushima ihre Haltung zur Kernenergie änderte und mit Vehemenz den Atomausstieg auf den Weg brachte. Die öffentliche Meinung (und die konservative Agenda) wollten ihr einfach nicht zugestehen, was in jeder normalen Biografie selbstverständlich ist: Einschneidende Erlebnisse können die Art verändern, wie Menschen über ein Thema denken – und das aus gutem Grund.

Beispiel COVID-19: Seit Beginn der Pandemie rotiert der gesamte Wissenschaftsbetrieb ohne Unterlass auf Hochtouren, um uns schnellstmöglich einen Durchbruch im Kampf gegen das Virus zu bescheren. Aber statt auf die Wissenschaftler zu hören, warfen viele ihnen monatelang vor, dass sie in puncto Maskenpflicht begründet ihre Meinung geändert hatten und auch in anderen Fragen laufend ihre Empfehlungen anpassten. Dabei war gerade dieser Kampf um Aktualität der eindrücklichste Beweis für ihre Effektivität!

Wenn sich Dinge ändern, muss es gerade Entscheidungsträgern erlaubt sein, ihre Meinung anzupassen. Dafür dürfen wir sie nicht verdammen, nein: Daran müssen wir uns ein Beispiel nehmen.

 

Scheitern als Teil des Weges

Noch ein rhetorischer Bremsklotz ist unser rhetorischer Umgang mit Fehlern. Auf dem Weg zu einem neuen Verständnis von Erfolg, genauso wie auf dem Weg zu einer nachhaltigeren Welt, werden wir immer wieder scheitern – im Kleinen und im Großen, als Einzelne und gemeinsam, schmerzhaft und lehrreich. Deshalb ist es von großer Wichtigkeit, dass wir aufhören, Fehler zu verdammen und Menschen, die Fehler machen, anzuprangern.

Scheitern ist keine Schande, und jeder Mensch mit ein paar Kapiteln Vorgeschichte weiß das genau. Scheitern ist Teil des Erfolgs: Wer keine Fehler macht, der hat nicht wirklich etwas gewagt. Fehler sind nichts anderes als Lernchancen. Nicht umsonst erfreuen sich die sogenannten „Fuck-up Days“ großer Beliebtheit. Bei diesen Veranstaltungen berichten Gründer von ihren Fehlern, damit andere sie nicht wiederholen müssen. In manchen Unternehmen wird sogar der „Fehler des Monats“ gefeiert und prämiert – also der Fehler, aus dem das gesamte Unternehmen am meisten lernen konnte.

Eine offene Fehlerkultur brauchen wir aber nicht nur in den Unternehmen, wir brauchen sie auch als Gesellschaft. Denn bei bisher beispiellosen Herausforderungen wie der Erderwärmung, globalen Highspeed-Pandemien und digitalem Wandel können wir uns anstellen, wie wir wollen: Fehler werden passieren. Viele Fehler, dramatische Fehler. Sie in Fortschritt zu verkehren wird eine Kernkompetenz sein. Die Voraussetzung dafür ist, dass wir offen über sie reden können und, noch einen Schritt vorher: Entscheidungsträgern zugestehen, dass sie auch mal Fehler machen. Niemand darf dafür angeprangert werden, solange er aus ihnen lernt.

Akteure des Wandels dürfen nicht das Gefühl haben, dass sie Fehler vertuschen müssen. Taktische Fehlertoleranz wird ein Erfolgsindikator der Zukunft sein.

 

Drei Impulse für die Erfolgsdebatten der Zukunft

Erfolg wird in Zukunft etwas anderes sein als das, was wir in Deutschland lange Zeit darunter verstanden haben. Vor allem aber werden wir zukünftig anders über Erfolg reden müssen, um uns nicht selbst für entscheidende Zukunftsimpulse zu blockieren.

Natürlich mache ich mir nichts vor: Den Sprung zu einem neuen Erfolgsdenken und zu einer neuen Debattenkultur werden wir nicht von jetzt auf gleich machen. Die alten Narrative werden sich hartnäckig halten, eine Weile noch. Und jenen, denen wir unseren bisherigen Erfolg verdanken, schulden wir Respekt – für das Fundament, auf dem wir stehen und auch für ihre Geschichten, aus denen wir lernen können.

Doch der Status quo ist eindeutig: Wir brauchen eine neue Definition von Erfolg – ein neues, deutsches Modell. Das sollten, das können wir nur gemeinsam aushandeln, so wie wir den Erfolg an sich nur kollektiv erreichen können. Drei rhetorische Impulse für diese Debatte können helfen, unser Denken zu öffnen und konstruktiv über die nötigen Veränderungen in unserer Gesellschaft zu diskutieren:

  1. Nehmen wir respektvoll und dankbar Abschied von Legenden über vergangene Erfolge und öffnen wir uns für ein neues Verständnis von Erfolg, indem wir zukunftsfähige Stärken fokussieren und die Debatte im Futur führen.
  2. Gestehen wir Menschen zu, ihre Meinung zu ändern, wenn sich die Sachlage ändert. Gesellschaftliche Akteure, die von der öffentlichen Meinung handlungsunfähig gemacht werden, können keinen Wandel anstoßen.
  3. Reden wir über Fehler als Entwicklungschancen, anstatt sie zu tabuisieren und Menschen für ihr Scheitern anzuprangern. Fehler mindern den Erfolg nicht, sondern tragen dazu bei, wenn wir sie schnell und konstruktiv thematisieren.

[1] Katharina Lima de Miranda, Dennis J. Snower: Was wirklich zählt, Die Zeit Nr. 9, 20.02.2020, S. 28

[2] Ebd.

 

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