Das vielsagende Schweigen der April Ryan

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Das vielsagende Schweigen der April Ryan

April Ryan ist eine erfahrene Reporterin. Unter den Korrespondenten im Weißen Haus in Washington ist sie mit 20 Jahren Erfahrung eine Veteranin. Sie hat mehrere Präsidenten kommen und gehen sehen. Sie gilt als Vollblut-Journalistin, die die „Rules of the trade“, die Regeln ihres Handwerks, ernst nimmt und verteidigt.

Und als solche möchte sie differenzieren. Sie möchte klare Grenzen ziehen. Zwischen ihrer Rolle als Teil der dritten Macht im Staat und ihrer Person. Zwischen neutraler Berichterstattung und ihrer gesellschaftlichen Stellung als Afroamerikanerin. Zwischen Berichten und Kommentieren. April Ryan will aufklären, nicht indoktrinieren. Das wird nicht leichter, wenn man als Veteranin im Weißen Haus vom Präsidenten persönlich in einen Topf geworfen wird. Mit allen anderen Journalisten – und allen anderen Schwarzen. Vielleicht aus Versehen, vielleicht mit Absicht. Wir wissen es nicht. Wir wissen nur, was wir sehen und hören konnten.

In seiner denkwürdigen ersten Solo-Pressekonferenz aus dem Weißen Haus fragte April Ryan Donald Trump, ob er vorhabe, sich mit dem Congressional Black Caucus zu treffen – einer Gruppe von afroamerikanischen Juristen im Kongress auf dem Capitol Hill. Und Trump antwortete: „Wollen Sie das Treffen organisieren? Sind die Ihre Freunde?“

Worauf Ryan antwortete: „Nein. Ich bin nur Reporterin.“

Der Aufschrei in den amerikanischen Medien war daraufhin groß. In einem Interview bei CNN etwa – und diversen weiteren Sendungen – legte die Moderatorin es darauf an, April Ryan ein Anti-Trump-Statement zu entlocken. Indem sie persönlich wurde, wie Trump persönlich geworden war: Ob sie sich nicht beleidigt gefühlt habe, frage sie April Ryan. Doch die ließ sich nicht darauf ein. „Ich bin von der alten Schule, wo wir nur berichten. Ich bin nicht die Nachricht.“

Wie wohltuend in einer Zeit, wo alle die Nachricht sein wollen. Ryan verweigerte jegliche Einlassung auf eine mögliche persönliche oder gar rassistische Dimension des Vorfalls und jegliche Teilnahme am Trump-Bashing. Es wäre einfach gewesen, doch es hätte nicht ihrer Überzeugung als Journalistin entsprochen.

Manchmal ist Stille das wirkungsvollere Statement. Manchmal ist Schweigen sehr laut. April Ryan hat nicht Partei ergriffen, obwohl sie persönlich betroffen war. April Ryan ist ihren Grundsätzen und ihrer Rolle treu geblieben. So erzeugt man Glaubwürdigkeit über den Tag hinaus. Mit ihrer Zurückhaltung hat die Journalistin uns eine Denkpause geschenkt: die Möglichkeit, einen Schritt aus dem Geschehen herauszutreten und die Debatte als solche zu beobachten. Sie hat uns Klarheit verschafft, anstatt die Diskussion in einem Sinne voranzutreiben, der ihr persönlich vielleicht sogar entgegenkäme – aber eben nicht dem demokratischen Diskurs.

Unaufgeregt berichten statt emotional kommentieren: So funktioniert Meinungsbildung in einer Demokratie. Je weniger Politiker und Journalisten sich daran halten, desto wichtiger die Rolle derer, die es tun. Manchmal ist man als öffentliche Person besser beraten zu schweigen. In einem kritischen Moment eines Gesprächs oder Interviews. In überhitzten Phasen einer Debatte. Oder ganz und gar zu einem Thema, bei dem es nur Verlierer gibt, solange alle um die Wette schreien.

Leider tritt das Reiz-Reaktions-Schema hinter öffentlichen Äußerungen immer häufiger offensichtlich zutage. Und das nicht nur in Washington. Kaum ist ein neuer Kanzlerkandidat auf dem Plan, gibt es einige, die ihn sofort in die Populisten-Ecke zu drängen versuchen, um ihm den Wind aus den Segeln zu nehmen. Ganz gleich, wo man politisch steht: Das ist nicht die Form des Diskurses, die einer erfolgreichen Demokratie würdig ist.

Affektkommunikation, die unmittelbare, emotionale Reaktion ohne Denkpause zur Reflexion, ist selten eine gute Idee. Leider wird sie immer häufiger, je aufgeregter und extremer eine Debatte geführt wird. Wenn wir uns darauf einlassen, leisten wir den rhetorischen Methoden der Lautesten im Ring auch noch Vorschub – und bieten ihnen eine Flanke für den nächsten Tiefschlag. Die Folge: eine Verrohung der Debatte.

Und das ist das letzte, was wir brauchen, wenn die Realität schon roh genug ist.

Klicken Sie hier für das Video des Interviews mit April Ryan bei CNN über die Pressekonferenz im Weißen Haus.

 

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