Beredte Stille – Was wir hören, wenn wir nichts hören

Beredte Stille 

Was wir hören, wenn wir nichts hören

Hegen auch Sie manchmal den heimlichen Wunsch, die Welt einmal aussperren zu können und mit Ihren Gedanken allein zu sein? Ihre Antwort sagt viel darüber aus, wer Sie sind und wie Sie leben. Für viele ist Stille in diesen lauten Zeiten ein mentaler Sehnsuchtsort. Mit bedeutet sie mehr als das: Sie hilft mir, besser zu kommunizieren. Lesen sie hier, warum ich die Praxis stiller Momente zur Nachahmung empfehle.

Vor einiger Zeit verbrachte ich vier Tage allein im Spreewald. Allein das hat manche schon veranlasst mich zu fragen, ob mit mir alles in Ordnung sei: „Wer will denn freiwillig mit sich und mit all dieser Stille allein sein?“

Ich will das. Ich höre mich gern selbst denken. Ja, mir ist klar, wie das klingt, aber so meine ich das nicht. Es ist eher so, dass ich nicht oft dazu komme, mit mir und meinen Gedanken allein zu sein. Das Alleinsein, genauer gesagt: Die Stille um mich herum verschafft mir Klarheit über mich selbst, über die Welt und meinen Umgang damit und eben auch über die Dinge, die ich sage. Deshalb brauche ich die Stille, wenigstens hin und wieder.

Aus diesem Grund habe ich bei meiner Reise in den Spreewald auch mein Smartphone zu Hause gelassen. Nicht vergessen, nein: zu Hause gelassen. Absichtlich. Ich gebe zu: Ich habe lange darüber nachgedacht, ob das wirklich eine gute Idee ist. Im Nachhinein muss ich sagen: eine meiner besten. Die Effekte waren nämlich verblüffend. In den ersten Stunden fiel mir auf, wie oft ich zum Handy gegriffen hätte, wenn ich es denn bei mir gehabt hätte. Im Alltag merken wir ja nicht, wie süchtig wir wirklich sind. Je länger die Abstinenz andauerte, desto deutlicher wurden die Auswirkungen: Ich schlief deutlich besser als normalerweise. Ich war um einiges konzentrierter. Ich hatte viel mehr Zeit zu lesen. Innerhalb von wenigen Tagen kam ich auf mehr brauchbare Ideen für meine persönliche Kommunikation und für meine Arbeit als in den Monaten zuvor zusammengenommen.

Mein Experiment kam zu einem klaren Ergebnis: Stille ist gut für die Kommunikation. Deshalb möchte ich Sie mit diesem Beitrag anstiften, auch in Ihrem Leben wieder mehr davon zuzulassen.

 Warum wir Stille nicht mehr schätzen können    

Dass dieses Plädoyer überhaupt nötig ist, liegt daran, dass Stille in unserer Welt keinen guten Ruf mehr hat. Sie widerspricht nämlich unserem vollvernetzten Lebensentwurf der permanenten Sendungs- und Empfangsbereitschaft. Für die meisten Menschen, da sind sich auch die Wissenschaften einig, ist „Zeit für sich“ zur Mangelware geworden. Stille ist nicht mehr einfach nur die Abwesenheit von akustischen Signalen, sondern eine Art mentaler Sehnsuchtsort.

Dabei ist es nicht einmal so, dass wir keine Gelegenheiten hätten, abzuschalten. Es ist vielmehr so, dass wir es nicht tun. Wann immer wir auf uns selbst zurückgeworfen sind, gehen wir sofort ins Außen statt ins Innen, nämlich online. Der Stand der Forschung lässt keine Ausreden mehr zu, mit denen wir das beschönigen könnten: Die Internetsucht – also die Unfähigkeit, offline zu sein – funktioniert im Gehirn genauso wie eine Drogensucht. „Der Computer wirkt wie elektronisches Kokain“, sagt der US-Neurobiologe Peter Whybrow.

Das ist die individuelle Komponente des massiven Einflusses, den Smartphone & Co auf unsere Lebensgestaltung haben. Sie ebnet der kollektiven Komponente den Weg: Wir gewöhnen uns zunehmend daran, immer funktionieren zu müssen. Da sieht schnell jede Mußeminute aus wie Zeitverschwendung. Man könnte ja auf Sendung sein und „Dinge tun“, statt im eigenen Kopf unterwegs zu sein. Permanente Flexibilität und Verfügbarkeit sind in unserer modernen Lebensweise die Antagonisten der Stille.

Der prominente Soziologe Richard Sennett hat besonders eloquent argumentiert, was das mit uns macht – der Mann scheint sich noch Zeit zum Nachdenken zu nehmen. Wenn wir permanent im Dringlichkeitsmodus sind, verlieren wir den Kontakt zu uns selbst und unserer Persönlichkeit. Wir unterscheiden nämlich nicht mehr zwischen dem, was dringend erledigt werden will und dem, was uns eigentlich wichtig ist. Auf diese Weise verlieren wir unsere „Selbstkontinuität“: Die nachhaltige Anbindung an das, was mit unserer Persönlichkeit, unseren Zielen und unseren Bedürfnissen eigentlich kompatibel ist.

Hier kommt auch die Kommunikation ins Spiel. Denn wenn wir Prioritäten setzen, nächste Schritte planen, uns eine Meinung bilden und an Beziehungen arbeiten, überträgt sich das automatisch auf die Art, wie wir unsere Interaktion mit der Welt gestalten. Und das tun wir durch Kommunikation. Hier liegt die Chance, zugleich aber auch das Risiko. Ob unsere Gedanken und unsere Prioritäten sinnvoll gewachsen und durchdacht sind oder nicht: Die Kommunikation findet statt. Entweder erwächst sie aus dem Affekt zwischen Tür und Angel – oder aus der Kontemplation, die Stille ermöglicht.

Was besser für uns wäre, liegt auf der Hand: Unsere Persönlichkeit braucht Gelegenheit zur Reflexion, um zu wachsen. Deshalb reifen auch unsere Worte am besten in der Stille.

Wie Stille die Kommunikation verbessert   

Ich persönlich brauche die Stille, um an mir zu arbeiten. Ich bin fest davon überzeugt, dass ich durch sie ein besserer Redner und ein besserer Gesprächspartner werde. Was das bedeutet, lässt sich gar nicht überschätzen. Kommunikation ist nun einmal das zentrale Gestaltungsmittel für unsere Beziehungen, und die bestimmen über unsere Lebensqualität. So gesehen macht die Kontemplation in der Stille mich zu einem besseren Unternehmer, einem besseren Freund, einem besseren Partner und einem besseren Vater.

In der Stille kommen mir die meisten und die besten Ideen für meine eigene Kommunikation, aber auch für Empfehlungen an meine Seminarteilnehmer, Firmenkunden und Leser. Ein paar Schlaglichter zeigen, was ich damit meine:

Stichwort Relevanz: Wenn ich permanent online oder unter Menschen bin, stehe ich unter der Dauerdröhnung fremder Meinungen und Einflussnahmen. So habe ich keine Chance, abzuwägen und in Ruhe Schlüsse zu ziehen. In der Stille wird mir erst klar, was wirklich wichtig ist und was ich demnach in der Kommunikation betonen, pflegen oder auch weglassen sollte. Das Nachdenken, das die Stille mir ermöglicht, hilft mir dabei, mir eine valide Meinung zu bilden und mich damit auch in Debatten einzubringen, anstatt einfach nur nachzuplappern, was andere sagen. Auch im Gespräch fördern Momente der Stille übrigens die Relevanz. Wenn wir Gelegenheit haben, das Gesagte sacken zu lassen, hilft das im Allgemeinen der Verständigung. Deshalb kann ich auch nichts mit der These in Smalltalk-Ratgebern anfangen, dass man ein Gespräch krampfhaft am Laufen halten müssen, damit es nicht unangenehm wird. Unangenehm ist Stille nur für den Gedankenlosen.

Stichwort Kreativität: Stille ist ein Nährboden für Inspiration. Ungestört von Emails, Nachrichten und Ablenkung durch andere lese, schreibe und denke ich mehr und vor allem gründlicher – denn es gibt nichts, was mich davon abhalten würde. Das ist nicht nur für die eigene Kommunikation gut, sondern auch für unseren Informations- und Bildungsstand im Großen und Ganzen. Auch das ist nämlich inzwischen erwiesen: Wir gewöhnen uns zunehmend daran, nur noch kleine Informations- und Meinungsbrocken zu konsumieren. Online-Texte sind auf Überschriften und Teasertexte fokussiert, die zu unseren hektischen Lektüregewohnheiten passen. Der Preis dafür ist, dass sie an der Oberfläche bleiben. In der Stille kann ich mich wirklich auf ein Buch oder andere, tiefergehende Inspirationsquellen einlassen, in die Gedankenwelt eintauchen – und im Idealfall als ein anderer wieder auftauchen.

Stichwort sprachliche Mittel, etwa bildhafte Sprache: Über wirklich gute Metaphern und Analogien muss man nachdenken. Nicht jedes sprachliche Bild hält stand, wenn man es einmal in konkreten Nutzungsszenarien durchdekliniert. Das ist notwendig, wenn das Bild oder der Vergleich verlässlich seinen Zweck erfüllen soll. Für dieses Herumkauen und Abschmecken muss man sich Zeit nehmen. Doch die ist gut investiert: Eine treffende Metapher kann über lange Zeit tragen und die ganze Kommunikation eines Experten oder eines Unternehmens nachhaltig prägen. Ist ein bisschen Stille da zu viel verlangt, um sie anständig auszuarbeiten?

Stille wagen    

Ich finde, wir haben ein Recht auf Stille. Indem sie unseren mentalen Zustand und unsere Kommunikation fördert, macht sie uns zu besseren Menschen. Das ist am Ende im Interesse aller. Wenn jeder sich dieses Recht nehmen würde, hätte die Stille schlagartig auch eine bessere Lobby. Denn in einem bin ich mir sicher: Die Sehnsucht teilen viele. Was uns fehlt ist die Konsequenz, auf Pause zu drücken. Deshalb gestehen wir sie auch anderen nicht zu.

Meine Empfehlung als Kommunikationstrainer ist: Seien Sie konsequent und organisieren Sie sich Stille. Als Vater und Unternehmer weiß ich nur allzu gut, dass das nicht leicht ist. Das fängt beim Faktor Zeit ja erst an; man muss auch die räumlichen Voraussetzungen bzw. die Gelegenheit haben, um im Büro mal eine Stunde ohne Kollegen zu verbringen oder zum Beispiel mal für ein paar Tage ohne Familie verreisen zu können. Die meisten von uns müssen dieses Recht gegen Widerstände durchsetzen. Die wirtschaftlichen Effekte einer guten, aus der Stille geborenen Idee erschließen sich in der Regel nämlich nicht sofort; man muss sich die Konsequenz einfach wert sein. Das ist nicht leicht, wenn das gesamte Umfeld auf Erreichbarkeit und Effizienz dringt.

Und dann muss man es natürlich auch noch wollen, dieses Zurückgeworfensein auf sich selbst. Bei vielen ist es nicht zuletzt die Angst vor Einsamkeit, die sie der Stille ausweichen lässt. Doch ich kann Sie beruhigen: Man kann durchaus allein sein, ohne einsam zu sein. Unterwegs auf Vortragstour bin ich oft auf mich zurückgeworfen. Immer wieder werde ich gefragt, wie ich das aushalte, wenn ich abends im Hotelzimmer so ganz allein mit mir bin. Ehrlich gesagt habe ich schon die Frage nie wirklich verstanden. Nicht nur macht die Stille meine Kommunikation relevanter, kreativer und effektiver. Ich genieße sie auch.

Eine weitere Erkenntnis aus meinem Smartphone-freien Spreewald-Aufenthalt ergab sich übrigens erst nach meiner Rückkehr: Es war verblüffend, wie viele Menschen sich plötzlich Sorgen um mich gemacht hatten, weil sie mich mal ein paar Tage nicht erreichten. Einerseits ist das irgendwie irre, andererseits aber auch schön. Die Abwesenheit von Kommunikation ruft uns in Erinnerung, wieviel der Austausch mit Menschen uns wirklich bedeutet. Auch auf diese Weise tut die Stille der Kommunikation gut.

Sie müssen ja nicht gleich in den Spreewald reisen, wo sich im Winter nicht einmal Mücken für Sie interessieren. Fangen Sie einfach damit an, dass Sie das Smartphone mal für ein paar Stunden ausschalten. Sie werden sehen: Stille ist gut fürs Reden.

Kommen Sie gut an!

Ihr René Borbonus

 

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